van Himst

Ernährungsphysiologisch wichtig: Ziehen Sie die Wurzel richtig!

Sonst könnte es Ihnen so gehen wie Fidelio Freiherr van Himst aus Hamburg, der einen Taschenrechner zur Hand nahm, um den täglichen Energiebedarf seines Hundes „Claus-Dietrich von der Tanne“ zu errechnen. Dabei muss er einen Fehler gemacht haben, der dazu geführt haben könnte, dass dieser wenig später verschied. Zur Person: Fidelio Freiherr van Himst leitet ein börsennotiertes Unternehmen der Finanzbranche, wo man mit allem rechnen muss.

Bei „Stiftung Warentest online“ las Herr van Himst, dass die Stoffwechselmasse Körpergewicht und Größe eines Hundes berücksichtigt und er dessen Gewicht zweimal mit sich selbst zu multiplizieren habe, dann die Ergebnistaste drücken solle und alsdann zweimal die Wurzeltaste, um die vierte Wurzel zu ziehen. Das Resultat sei mit 95 zu multiplizieren und führe zur Kenntnis des täglichen Energiebedarfs in Kilokalorien. Dabei erwies es sich als vorteilhaft, dass Claus-Dietrich mit 15 Kilo genau so viel wog wie der „Warentest-Musterhund“, so dass nur zu überprüfen war, was andere bereits errechnet hatten: 15 x 15 x 15 = 3.375 stimmte – zweimal die Wurzeltaste drücken ergab 7,62, und mit 95 multipliziert wurden daraus 724 Kilokalorien (kcal). Dieses Ergebnis befriedigte Herrn van Himst jedoch nur bedingt, da er wusste: mit Kilokalorien rechnet nur das gemeine Volk, Adelige hingegen, zu denen er zählte, rechnen mit Joule. Deshalb multiplizierte er 724 Kilokalorien mit 4,187, was 3.031 Kilojoule ergab. Sehr gut, meinte Herr van Himst in Richtung von Claus-Dietrich, der gerade seinen Mittagsschlaf auf einem antiken Sofa hielt, wo er besonders gern ruhte.

Damit der Nährstoffmix stimmt, folgte Herr von Himst auch hier den Empfehlungen von Stiftung Warentest online und orderte 10 Kilo trockenes Alleinfutter beim örtlichen Zoohandel. Die Marke sei egal, sagte er zu Jörg, seinem Fahrer, Alleinfutter sei immer gesund, egal woher es käme. Weil es „Alleinfutter“ sei. Er kenne die Futtermittelverordnung, weshalb er wisse:

§ 1,1 Futtermittelverordnung definiert Alleinfutter als „Mischfuttermittel, die dazu bestimmt sind, allein den Nahrungsbedarf der Tiere zu decken“.

Kurz darauf stand vor Herrn van Himst eine große Tüte „Frolic complete“ mit Rind, Karotten und Getreide. Frolic käme vom Weltmarktführer „Masterfoods“, meinte Jörg und sei damit geeignet, Claus-Dietrich bei bester Gesundheit zu halten. Dem konnte Herr van Himst nur beipflichten, und hier mag der schwere Fehler des Adeligen gelegen haben, wenn man folgendes weiß: Nur gewöhnliche Bürger lesen Testberichte Wort für Wort, Adelige hingegen haben wichtigeres zu tun, zum Beispiel an internationalen Finanzbörsen. Deshalb könnte Herr van Himst beim Lesen des Testberichts übersehen haben, dass gerade „Frolic complete“ neben 7 anderen Produkten „mangelhaft“ abschnitt und dies keineswegs zum gesundheitlichen Vorteil von Claus-Dietrich. Andere Fütterungsfehler konnten ausgeschlossen werden. So war weder das Hühnerfett zu fett, noch der Pansen verdorben, und auch sonst war nichts in der Küche in Unordnung geraten. Dies versicherte Dorothea, die Küchenhilfe von Herrn van Himst, deren Arbeit während der letzten zehn Jahre nie Anlaß zu Klagen gegeben hatte. Dorothea ist bescheiden, fleißig und liest viel. Sogar im Bett.

Dort hatte sie, was Herrn van Himst entgangen war, ebenso wie dieser „TEST“ Stiftung Warentest 9/06 gelesen und Stiftung Warentest online vom 8.9.2006 auch – „online“ auf ihren Notebook, das ihr Herr van Himst letzte Weihnachten für ihre treuen Dienste geschenkt hatte, weil Dorothea gern im Internet surft. Auf diese Weise lernte sie www.broeckchengesellschaft.de kennen. Davon fasziniert, zeigte sie fortan großes Interesse an futtermittelrechtlichen Fragen, weshalb sie auch nur geringfügig erschrak, als sie bei Stiftung Warentest las:

30 Trockenfutter im TEST – 8 davon mangelhaft!

Flugs schlug sie das Futtermittelgesetz auf – zur Sicherheit – nachdem sie die 23 Paragraphen fast auswendig kennt, wovon nur 2 interessieren und las:

Gemäß § 3 (1-3) Futtermittelgesetz, dürfen Futtermittel, die Tiere schädigen können, weder hergestellt, in den Verkehr gebracht noch verfüttert werden. Auch verstoßen solche Futtermittel gegen § 7 Futtermittelgesetz – Verbot von Verbrauchertäuschung durch irreführende Bezeichnung – Alleinfutter.

Unveränderte Aussagen fand Dorothea auch im Europäischen Lebensmittel- und Futtermittelgesetz, wenn auch an anderer Stelle.

Weil es sich jedoch für Hausangestellte nicht ziemt, der Herrschaft Ratschläge zu erteilen oder diese gar auf mögliche Versäumnisse hinzuweisen, habe sie es unterlassen, Herrn van Himst darauf anzusprechen. Rückblickend täte ihr dies furchtbar leid, meinte sie, wobei sie weinte.

Inzwischen hat Claus-Dietrich seine letzte Ruhe gefunden – unter der Tanne, die er so liebte. Seine Beisetzung fand im engsten Familienkreis statt.

Wenig später verreiste Herr van Himst. Aussagen seiner Gattin zufolge erbat er sich für einige Zeit absolute Ruhe. Diese fände er nur in einem bestimmten Hotel in Baden-Baden, so diese im Gespräch mit der lokalen Presse, wobei sie hinzufügte, sie hätte, als Fidelio sie beim Abschied zärtlich in die Arme schloss, dieses merkwürdige Lächeln bei ihrem Mann beobachtet, ein Lächeln, das wenig Gutes verhieße. Es käme zwar nur selten vor, aber wenn, dann habe es immer ziemlich laut gekracht, wem auch immer es zugedacht war. Zu Claus-Dietrich würde sie noch gern erwähnen, Fidelio Freiherr von Himst habe diesen Hund geradezu abgöttisch geliebt. Deshalb würde sie nur ungern in der Haut derer stecken, die ihrem Mann mangelhaftes Futter verkauft hätten, wobei, als sie das sagte, auch Frau van Himst ein eigenartiges Lächeln zeigte – ein Lächeln, das mich davon abhielt, sie zu fragen, was sich dahinter verbergen könnte. In solchen Momenten hat es sich als günstig erwiesen, die Gefühle der Eheleute van Himst ohne viele Worte zu respektieren.

Annette Gräfin von Rettenberg / Hamburg