Empfehlung der Saison

Vor mir steht ein Schälchen. Es trägt die obige Aufschrift. Seine Verpak-kung schimmert dunkelblau, die Schrift ist schwarz und goldumrandet – Wie beim Juwelier. Ein Nachbar schenkte es mir – Vielleicht würden meine Hühner das Zeug fressen, sein Hund bekäme besseres.

Noch ist das Schälchen verschlossen. Weil mich zunächst interessiert, was sonst noch alles drauf steht: „Mit Streifen vom Huhn und knackigen Bambussprossen“. Daß Bambussprossen für Hunde wichtig sind, wusste ich nicht.

Ich lese weiter: „Alleinfuttermittel für ausgewachsene Hunde, 150 Gramm“. Es folgt die Fütterungsempfehlung: „Hunde mit einem Gewicht von 5 Kilo 3 Schalen, 10 Kilo schwere Hunde 6 Schalen“. Ein Hinweis, daß 20-Kilo-Hunde 12 Schalen davon fressen sollen, fehlt. Das Schälchen kostete 80 Cent.

Für den Halter eines 5 Kilo schweren Hundes sind das 2,40 € täglich, 72,00 € monatlich oder 864,00 € jährlich, für den eines 10 Kilo schweren Hundes das Doppelte und für den eines 20 Kilo Hundes 3.246,00 € im Jahr. Auf dem Schälchen steht noch mehr: „Der individuelle Bedarf Ihres Hundes hängt von weiteren Faktoren ab, wie Rasse, Alter, Aktivität und Haltungsbedingungen. Wenig aktive Hunde können bis zu 20% weniger und sehr aktive Hunde bis zu 50% mehr als die angegebene Menge benötigen“. 50% mehr als die angegebene Menge für einen sehr aktiven Hund mit einem Gewicht von 20 Kilo kosten damit 4.800,00 €. Dafür bekommt man einen Brillianten von 0,5 bis 1 Karat. Den von 0,5 Karat lupenrein – Den Einkaräter mit Einschluss.

Da die Aussage „Mit Streifen vom Huhn und knackigen Bambussprossen“ werbewirksam auf der Vorderseite der Dose hervorgehoben ist, müssen diese Stoffe auch drin sein. Mindestens 4% davon. Das ist Vorschrift. Nicht angegeben werden muß die Herkunft des Huhnes. Allerdings dürfte das nur wenige Hunde interessieren, ähnlich wie bei 4% Bambussprossen.

Beim Nassfutter – wobei es sich beim Inhalt des Schälchens handelt – sind etwa 80% Feuchtigkeit vorgeschrieben. Anzunehmen ist, daß es sich hierbei um Wasser handelt. Damit wurde auch an Menschen gedacht, die zuhause keines haben. Die anderen aufgezählten Zutaten entsprechen den futtermittelrechtlichen Vorschriften: Rohprotein 9,5%, Rohfett 5,0%, Rohasche 2,0%, Rohfaser 0,3% und Vitamin E 15mg/Kilo. Vitamin E dient der Konservierung. Außer den genannten Stoffen enthält das Schälchen Getreide, Mineralstoffe und Zucker. Warum Zucker, weiß ich nicht, da selbst Wildhunde ihre Beute ohne süßende Zusätze akzeptieren, ähnlich Katzen, die Mäuse fressen, auch die ungesüßt. Außer man hat weitergedacht, etwa an Tierärzte oder an wissenschaftliche Fortbildungsseminare zum Thema „Profit-Center Maulhöhle“. Nachdem auch daran recht gut verdient wird – nicht nur dank Kariesbefall, sondern weil Hunden und Katzen die Zähne immer früher ausfallen.

Ich öffne das Schälchen und bin überrascht. Es scheint mehr Fleisch darin zu sein als nur 4% vom Huhn. Auch der Geruch ist nicht unangenehm. Fast bin ich versucht, davon zu kosten, lasse es aber doch lieber bleiben. Man hört so einiges und liest es auch, z.B. in „Katzen würden Mäuse kaufen“.

Ich kippe den Inhalt des Schälchens auf einen Teller – und staune über so viel Fleisch. Es ist Fleisch von einer interessanten Beschaffenheit.

Ich zerdrücke alles mit einer Gabel, obwohl ich weiß: Es nützt wenig, wenn man Fleisch zerdrückt. Fleisch bleibt Fleisch, egal wer drückt. Dabei bemerke ich: Dem Fleisch fehlen alle mir bisher bekannten Eigenschaften von Fleisch, auch dem von Hühnern. Ich denke an Formfleisch, ohne mich zu erinnern, worum es sich hierbei handelt und mache mich kundig: Formfleisch ist ziemlich oft eine enzymatisch behandelte Sojapampe, die in kürzester Zeit den äußeren Charakter von Fleisch annimmt – ohne Fleisch zu sein und ohne jemals die Freuden der Fleischwerdung zu erfahren.

Wenig später wurde der Teller mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung im Bereich Heimtierernährung von mir entsorgt. Die Gabel auch.

Fundstück – Oberammergau

Kommentar zum Fundstück

Die Futterkostenrechnung endet bei einem aktiven Hund im Gewicht von 20 Kilo – mit jährlich 4.800,00 €. Allerdings gibt es auch schwerere Hunde.

In einer Gemeinschaftsaktion von BILD und Chappi – „Diese Riesen sind zum Knutschen“, wurden „BILD-Leserreporter“ am 11.08.2007 aufgefordert Fotos einzuschicken. Gesucht wurde der größte Hund Deutschlands. Es gewann „Bodyguard“ aus Weihmichl (Bayern), mit 102 Zentimeter Schulterhöhe und einem Gewicht von 98 Kilo. Die Siegerprämie: 1.000 Kilo = 1 Tonne Chappi. Ob der Hund Chappi mag, wurde nicht erwähnt. Nach Aussagen seines Halters Rudolf G. (56) frisst „Bodyguard“ täglich 3 Kilo Rindfleisch und säuft 6 Liter Wasser.

Nach obiger Rechnung, d.h. beim Verzehr saisonaler Empfehlungen, oder anderer Nassfuttermittel ähnlicher Konsistenz, wären das cirka 16.230,00 € jährlich oder 24.345,00 € – falls „Bodyguard“ aktiv ist. Davon entfallen 80% = 19.477,00 € auf Feuchtigkeit. Ludwig Arometti, Graf von Oberhausen.