Bröckchengesellschaft

Vor kurzem telefonierte ich mit zwei von 50 international hoch angesehenen Professoren der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Ich hatte Fragen zu den „Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr“, 1. Auflage. Das im Jahre 2000 erschienene Werk hat die ISBN 3-8295-7114-3, umfasst 240 Seiten und ist zum Preis von 14 EURO im Buchhandel erhältlich. Wenn Sie sich an die dortigen Aussagen halten, werden Sie ziemlich alt.

Ich hatte nur einige Fragen zu meiner Ernährung und zu der meines Hundes. Die Fragen zu meinem Hund konnten nicht beantwortet werden, weil man dort nichts von Tierernährung versteht – die Fragen zu meiner Ernährung allerdings auch nicht.

Einfach Denkende vermuten, Universitäten seien Tempel der Weisheit und des Wissens. Früher dachte ich ähnlich. Universitäten sind Stätten der Forschung, der Lehre und der Suche. Hat man etwas gefunden, freut man sich und die Zeitungen schreiben darüber. Findet man nichts, sucht man weiter, bis man etwas gefunden hat. Manchmal findet man auch etwas, wonach man nicht gesucht hat. Dann freuen sich alle, weil etwas Neues entdeckt wurde.

Nachdem meine präzisen Fragen von den beiden Wissenschaftlern nicht beantwortet werden konnten, entschloss ich mich, um das Gespräch einigermaßen harmonisch zu beenden, zu einer einfachen Frage: Sie betraf die DGE-Empfehlung zur gesunden Volksernährung „Five-a-day“, worunter man folgendes versteht: Verteilung einer ausgewogenen Ernährung auf fünf (five) Mahlzeiten am Tag (aday)– unter Verzehr von 650 Gramm Obst und Gemüse – die Hälfte davon roh. Alberne Fragen , z.B. welche Mittagszeiten in Universitäten üblich sind oder ob ich gerade beim Essen störte, vermied ich.

Nach heiterem Gesprächsverlauf blieb für mich die betrübliche Feststellung: Mir jedenfalls ist es unmöglich, die DGE-Ernährungsempfehlungen mit allgemeingebräuchlichen Vorstellungen eines geregelten Tagesablaufs zu verbinden, ohne an die betriebs- und volkswirtschaftlichen Folgen zu denken. Würden sich alle Mensche „Five-a-day“ ernähren, wäre die Welt anders und das Ende nah – ohne Autos, Joggingschuhe, Wäscheklammern und vielem anderen mehr – besonders, wenn auch diejenigen mit „Five-a-day“ anfingen, die bisher Ihren Mitmenschen „Five-a-day“ ermöglichten. Alles Leben auf diesem Planeten würde erlöschen, außer dem tierischen, weil Tiere nicht lesen können – auch keine Empfehlungen der DGE.

Für die etwas ausführliche Einführung bitte ich um Verständnis. Menschliche und tierische Ernährung in einem Text abzuhandeln, bedeutet die Vernetzung komplexer Zusammenhänge, ohne die ein Gesamtverständnis der Dinge unmöglich ist. Als Zwischenergebnis ist deshalb festzuhalten: Die Versorgung des Organismus mit allen essentiellen (lebenswichtigen) Nährstoffen ist nicht nur äußerst kompliziert, sondern wird nie gänzlich erforscht werden, weil jeder Mensch anders ist als der andere und gleiches auf Nahrungsmittel zutrifft – selbst auf Karotten. Wäre dem nicht so, der Welt ginge es besser, z.B. mit „Trockenfutter“ für alle, plus Wasser, ernährungsphysiologisch balanciert für Junge und Alte, Große und Kleine, Dicke und Dünne, Gesunde und Kranke – in geschmacklicher Vielfalt und in variablen Diäten. Ich zum Beispiel bemerke, während ich dieses schreibe, ein unsägliches Verlangen nach einem solchen: Jetzt, hier und ganz für mich allein, farbenfroh verpackt und mit der Aufschrift „Senior, große Rasse, hohe Aktivität bei sitzender Tätigkeit – Geschmacksstoff Mirabelle“. Daß dies ohne weiteres möglich ist, beweist die folgende, wissenschaftlich korrekte Skala:

0——————————————————-50—————————–80——————-100

0 Zuzuordnen sind alle reinen Pflanzenfresser = Herbivore

50 Zuzuordnen sind Gemischtfresser (Mensch/Schwein) = Mixtivore

80 Zuzuordnen sind Hunde = Faunavore (keine strikten)

100 Zuzuordnen sind Beutefresser = strikte Faunavore, einschließlich Verzehr der Darminhalte ihrer Beutetiere (ernährungsphysiologisch wichtig!). Hierzu gehören z.B.Katzen

Sie erkennen: die Natur sorgt für alles; für den Rest sorgt die Futtermittelindustrie. Bei den Herbivoren durch Zusätze von Tiermehlen, mit bekannten Ärgernissen. Menschen und Schweine kriegen Zunder aus allen Rohren. Etwa 50% aller BRD-Hunde fressen industrielles Alleinfutter, trocken oder naß, und nur bei Katzen endet der Spaß ab einem bestimmten Punkt.

Ich denke so: wenn Hunde mit „Futterbröckchen“ und Wasser“ am Leben zu erhalten sind – einfach, praktisch, sauber und mit geringem Kotabsatz – gehören sie zu den Privilegierten; ein Recht, welches auch mir zusteht. Weil ich weder Lust noch Zeit habe, mein Dasein mit unsinnigen Überlegungen zu belasten, was ich heute schon wieder essen soll – und wo. Während meines Berufslebens habe ich die feine Küche in allen Erdteilen kennen gelernt. Aber auch das reicht irgendwann oder wird langweilig. Deshalb fordere ich:

Futterbröckchen für alle – oder wenigstens für mich.

Für Hunde gibt´s die schließlich auch!

Peter Grunert 2002

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